Kehren neue Besen besser? ÖVV-Präsident Gernot Leitner im Interview

Mit der Nachfolge von Langzeitpräsident Peter Kleinmann hat Gernot Leitner kein leichtes Amt übernommen. Was "der Neue" tun will, um Volleyball in unserem Land zukunftsfit zu machen, erzählt er Neunmalneun-Lesern im Interview.

Gernot, du bist jetzt seit einem Jahr ÖVV-Präsident. Was sind bisher deine Eindrücke von Volleyball-Österreich?

 

Positiv – jedoch mit extrem viel Arbeit verbunden. Volleyball fordert den Verband 365 Tage im Jahr, da wir nunmehr, mit der Integration von Snowvolleyball, ein 3-Spartenverband sind.

 

 

Gab oder gibt es irgendwelche Vorurteile dir/dem ÖVV gegenüber oder wurdest du überall mit offenen Armen empfangen?

 

Grundsätzlich spüre ich große Offenheit mir gegenüber als ehemaligem Volleyballer, der berufsbedingt in den letzten 15 Jahren etwas Distanz zu der österreichischen Volleyballszene hatte. Ein wenig Hoffnung, dass der „neue Besen“ besser kehrt, wurde mir schon entgegengebracht.

 

Es gab aber auch viel „Historisches“ kennenzulernen, vor allem was die Rollen und Verantwortungen des Verbandes anbelangt.

 

 

Wenn du Bilanz ziehst über dieses eine Jahr – was hat sich, was hast du in dieser Zeit verändert? Oder war es gar nicht nötig, etwas zu verändern?

 

Sehr viel – ich bin ja mit einer Roadmap 2025 angetreten, die wichtige Themen der Modernisierung des Verbandes beinhaltet:

  1. die interne Kommunikation und Entscheidungsfindungsprozesse wurden neu organisiert. Regelmäßiges ExCom-Meeting bestehend aus Generalsekretär, Sportdirektoren, Technischer Direktor und den beiden ehrenamtlichen Präsident und Vizepräsidentin.

  2. Fokus auf Schärfung unserer „Volleyballprodukte“ - Halle / Beach, Pro und Nachwuchs > Vermarktung

  3. Strukturierung der Spitzensportpyramide in Zusammenarbeit mit den Landesverbänden und den österreichischen Volleyballzellen

  4. Zusammenfassung aller österreichischen Beachvolleyball Turniere unter einer „Austrian Beachvolleyball Tour“ in 3 Kategorien (PRO / AMATEUR / JUNIOR)

  5. Aktivierung der „Volleyball Community“ (das Projekt beginnt nun erst richtig)

 

Wo liegt aktuell der Fokus der Arbeit des ÖVV bzw. deiner Arbeit?

 

Volleyball hat grundsätzlich 3 große sportliche Veranstaltungsphasen pro Jahr, die jeweils viel Arbeit und Vorlauf brauchen, als auch dann in der Umsetzung unseren vollen Einsatz verlangen.

  1. Indoor-Ligen & Nachwuchsturniere

  2. Beachvolleyball Tour

  3. Länderspiele (EM u Silver League)

 

Der ÖVV tut viel für den Profisport, die Nationalteams etwa. Was tut der ÖVV für den Amateurverein in der 1. Klasse? Ist das überhaupt wichtig für den ÖVV?

 

Das ist sicherlich nicht die vordergründige Aufgabe, für die der ÖVV Ressourcen hätte, jedoch haben wir es uns zum Ziel gesetzt, es wieder attraktiv zu machen, einen Verein zu gründen, ihn zu führen und ihn zu entwickeln.

 

Das geht primär über „coole Produkte“, dass man einfach gerne im Volleyball was tun möchte, andererseits das leidige Infrastrukturthema, welches uns österreichweit sehr beschäftigt. Wir sind zurzeit in 5 Bundesländern mit Politlobbying beschäftigt, um neue Ballsporthallen zu initiieren.

 

 

Eine ganz andere Frage: Manche meinen, der ÖVV wäre zwar sehr aktiv im Verbreiten von „good news“. Begriffe wie „sensationell, historisch, Boost, begeisternd, entfesselt ...“ beherrschen die Artikel auf volleynet.at. Nicht so positive Ereignisse werden entweder schöngeredet oder überhaupt verschwiegen. Ist das deswegen so, weil tatsächlich immer alles großartig ist oder weil man meint, der Volleyballwelt in Österreich dürfe man keine „bad news“ zumuten?

 

Grundsätzlich sind wir den ganzen Tag mit „bad news“ beschäftigt. Es wird ja viel an uns herangetragen, was nicht gut ist bzw. verbessert werden soll.

Das sind aber großteils Themen, die in der Medienwelt schwer verständlich kommuniziert werden können, da es sich meist um operative Volleyballdetails handelt oder um Strategien für die Zukunft, die behandelt werden (Ligaformat, Nachwuchsbewerbe, Regularien,…).

 

Es wird aber sicherlich so sein, dass ich nun, wo ich die Themen besser kenne und weiß woran es hapert, auch öffentlich lauter werden kann, wenn etwas in die falsche Richtung läuft.

 

 

Die allgemeine Meinung im ÖVV scheint ja zu sein, man müsse möglichst viele Spieler und Spielerinnen im Ausland unterbringen, um mit den Nationalteams erfolgreich zu sein. Stimmt das? Ist in Österreich tatsächlich zu wenig Geld vorhanden, sind zu wenige Sponsoren für Volleyball zu begeistern, um eine wirklich starke österreichische Liga zu etablieren?

 

Wir sind nach Fußball die größte Ballsportart, aber Handball, Basketball und Andere sind weit vor Volleyball, was die Vermarktung, die Professionalität der Vereine und somit auch die Ligen anbelangt. Nur die großen Beachvolleyball Events, Majors Wien, 1* in Baden, die Länderspielveranstaltungen und sehr vereinzelte Ligaevents haben die nötige Professionalität und Vermarktung.

 

Hier gilt es zu handeln, denn das hat Gründe. Wir müssen wieder moderne, verantwortungsbereite Volleyballer finden, die sich in Clubs organisieren wollen. Das geht aber erst wenn, wie gesagt, das Produkt sexy ist und man nicht permanent zwischen Konkurs und Privathaftung pendelt und am Aktivieren von Freiwilligen ist. Da sind uns andere Sportarten voraus.

 

Fakt ist aber, dass die sportliche Entwicklung unserer Topspieler und -Spielerinnen nicht von der hiesigen Liga und deren Strukturen befriedigt werden kann und diese deswegen höhere Ziele (und natürlich auch Geld) im Ausland anstreben. Aber die Hauptmotivation bei den Meisten ist die eigene sportliche Entwicklung und nicht nur die Kohle.

 

 

Beide Nationalteams haben die Chance, sich für die nächste EM zu qualifizieren. Das wäre tatsächlich ein historisches Ereignis - wie siehst du die Chancen realistisch?

 

Die Chance ist definitiv da und das wäre für Volleyball in jedem Fall ein ‚game changer‘ in jeder Beziehung. Medial, Begeisterung im Land, das Erreichen des nächsten Levels an Professionalität rund um die Nationalteams, die Akademien und die Landeszentren und schlussendlich auch die Entwicklung der Ligen.

 

Wir tun alles, um dieses Ziel zu erreichen und hoffen auch, dass uns viele Fans auf der organisierten Fanreise jeweils am 9.1.2019 nach Zagreb (Herren) bzw. Zürich (Damen) begleiten.

 

 

Werfen wir einen Blick in die Zukunft. Heute in fünf Jahren – bist du noch ÖVV-Präsident (natürlich vorausgesetzt, du wirst gewählt)? Was ist dann die größte Veränderung in Volleyballösterreich zu jetzt? Und eine Prognose: Wo stehen die beiden Nationalteams, Damen und Herren, jeweils in der Weltrangliste?

 

Ich habe einerseits schon vor, Angefangenes zu erledigen und das braucht definitiv ein paar Jahre. Andererseits bin ich beruflich sehr gefordert und auch viel (in der internationalen) Sportwelt unterwegs, was die Belastung als ehrenamtlicher Präsident sehr groß macht.

 

Aber so das derzeitige super Team rund um den Generalsekretär, die Direktoren und die sportlichen Leiter auch bleibt und sich so weiterentwickelt, bin ich guter Dinge dass wir viel erreichen können.

 

Das Ziel in 5 Jahren ist, die 1.Liga attraktiv und eventuell sogar mit substantiellem Preisgeld entwickelt zu haben. Die 2. Ligen in eine 2. Liga österreichweit zusammengelegt und damit aufgewertet zu haben, die Anzahl der Vereine und Aktiven stark zu steigern und die Spitzensportpyramide komplett implementiert zu haben. 5 neue Ballsporthallen in Österreich gebaut zu haben und mindestens 2 neue Beachhallen.

 

Die Nationalteamentwicklung war bereits sehr gut und eine Position unter den Top 30 der Welt wäre ein realistisches Ziel.

 

Im Beachvolleyball steht die Olympiaqualifikation 2020 an und das definiert natürlich das Leistungsziel in den kommenden Jahren. Im Beachvolleyball wollen wir ein nachhaltiges System aufbauen, langfristig sportlich und kommerziell erfolgreich zu bleiben, obwohl die Ressourcen seitens des Verbandes hier limitiert sind. Ein Thema ist sicherlich die Vermarktung der nationalen Tour, um den Spielern und Spielerinnen mehr Möglichkeit des Geldverdienens zu geben.

 

Es stehen also intensive Zeiten an, aber der positive Spirit ist da, die Energie dafür aufzubringen.

 

 

 

 

 

 

Autor: Armin Fluch

 

 

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