Ein Großer hört auf! - Philip Schneider im Interview

Du hast deine Karriere diesen Sommer nach 15 Jahren als Profi beendet. Wieso hast du den Schlussstrich gerade jetzt gezogen?

 

Auch wenn man es mir nicht ansieht, bin ich ja schon 36 Jahre alt. Ich finde, das ist ein stolzes Alter für einen Rückzug aus dem Profigeschäft. Dieses Jahr hat alles zusammengepasst. Die Gründe waren vorrangig familiär, neue Projekte und der Wunsch, endlich wieder sesshaft zu werden. Meine Frau, meine Kinder und ich selbst fühlen uns sehr wohl in Narbonne. Anfang letzter Saison hatte ich zudem eine schlimmere Verletzung (zweieinhalbfacher Bänderriss im Sprunggelenk mit Luxation), die mir zu denken gegeben hat. Es geht mir in meinem Alter körperlich noch sehr gut und ich hatte viel Glück, dass ich von wirklich schweren Verletzungen verschont geblieben bin. Jetzt muss ich den Bogen nicht mehr überspannen.

 

 

Normalerweise wärst du in diesen Wochen wieder am Anfang einer neuen Saison. Wie fühlt es sich an, dass du kein Volleyball auf Topniveau mehr spielst?

 

Ehrlich gesagt: Stressfrei. Ich habe den Sommer sehr genossen. Es war der erste seit langer, langer Zeit, in dem ich komplett stressfrei war und nicht daran dachte, fit zu bleiben für die nächste Vorbereitung.

 

 

Springen wir zurück zu deinen Anfängen. Als Vorarlberger hast du in Feldkirch erstmals Bundesliga gespielt, dann bei Salzburg, schließlich warst du bei Hypo Tirol ein vielversprechendes österreichisches Talent der damaligen Meistermannschaft. Was ist dann passiert?

 

Mein zweites Jahr in Innsbruck war wahrscheinlich ein Knackpunkt meiner Karriere. Unter Zanini habe ich mich in vielen Bereichen weiterentwickelt; Körperlich, technisch, taktisch und disziplinär auf und abseits des Spielfeldes. Wir holten diese Saison das Double und ich durfte auch erstmals Champions-League-Luft schnuppern.

Nach dem Saisonende ist mein Vertrag ausgelaufen und der Verein machte mir ein Angebot, das ich nicht annehmen konnte. Statt meinen abgelaufenen Vertrag einfach zu verlängern, bot man mir einen Abschlag von zwei Monatsgehältern an und eine Vertragslaufzeit von drei Jahren. Nicht verhandelbar! Der Verein musste sparen für die Legionäre, die im Schnitt das Drei- bis Vierfache verdienten. Ich war enttäuscht, wütend und war bereit ins „normale“ Berufsleben zurückzukehren, statt noch einmal für einen Verein zu spielen, dem ich nichts wert bin. Da es damals noch eine dicke Freundschaft zwischen den zwei Managern der zwei Vollprofivereinen gab und die eine Vereinbarung hatten, sich nicht gegenseitig die österreichischen Spieler auszuspannen und die Gehälter unnötig hochzuschaukeln, hatte ich nur zwei Optionen: Ausland oder Karriereende.

 

 

Nach deinem Aufbruch ins Ausland warst du durchgehend in Frankreich aktiv. Einzige Ausnahme: Die Saison 2008/2009 in der du in Wien bei den hotvolleys unter Vertrag warst. Erzähl uns mehr zu dieser Episode. Wie kam es dazu und warum ging es nach einem Jahr wieder zurück in deine Wahlheimat?

 

Im Frühling 2008 rief mich der damalige Manager der hotvolleys und Präsident des ÖVV an. Es ging um ein Projekt, das als Ziel hatte, alle österreichischen Nationalteamspieler außer jene in Innsbruck zusammenzubringen, um sich für die Europameisterschaft 2011 in Österreich und Tschechien vorzubereiten. Da ich in Cannes als Mittelblocker und Diagonalspieler spielte, im Team aber Annahme/Aussen, machte es für mich Sinn, für drei Jahre nach Wien zu wechseln, um mich auf dieser Position auf die Europameisterschaft vorzubereiten. Mit der Finanzkrise 2008 die das Ausbleiben von Sponsorenzahlungen an die hotvolleys zur Folge hatte, kam das Projekt ins Schwanken. Wir entschieden uns also, meinen Vertrag aufzulösen, und nach einem dreiwöchigen Zwischenstopp in Qatar ging's wieder zurück nach Frankreich.

 

 

Du hast insgesamt zwölf Jahre als Profi in Frankreich gespielt. Warum gerade dieses Land und warum so lange?

 

Nach meinem Abgang von Innsbruck, musste ich mich zwischen Deutschland und Frankreich entscheiden. Erst als ich in Frankreich zugesagt hatte, hatsich noch etwas in Italien ergeben, was eigentlich ein Traum für mich gewesen wäre.

Ich fühlte mich aber von Anfang an wohl in Frankreich. Die Liga war stark aber ausgeglichen (mit Tours stellte Frankreich den damaligen Champions-League-Sieger). Jeder gewann gegen jeden. Auch privat fand ich mein Glück mit meiner zukünftigen Frau. Ein Grund mehr in Frankreich zu bleiben und ich unterschrieb einen Vertrag beim damals aktuellen Meister und Rekordmeister in Cannes.

Nachdem ich meinen Vertrag in Wien aufgelöst hatte, kamen dann auch wieder einige Angebote aus Frankreich und ich entschied mich (oder wir uns) für die Heimatstadt meiner Frau, Montpellier, wo wir uns mit den zwei Kindern sehr wohl fühlten und sieben Jahre blieben.

Es gab viele Gründe in Frankreich zu bleiben. Sicherheit für die Familie, spannende und ausgeglichene Liga, Lebensstil, Freunde, ...

 

 

Den Österreicherinnen und Österreichern bist du durch diverse Nationalteamauftritte am ehesten als Außenangreifer bekannt. In Frankreich hast du aber in erster Linie als Mittelblocker und in den letzten Jahren als Diagonalspieler gepunktet. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Polyvalenz und welche Position spielst du am liebsten?

 

Eigentlich bin ich gelernter Mittelblocker. In meinen Anfängen im Nationalteam waren wir auf der Mittelblockerposition sehr gut aufgestellt. Drei der vier stärksten Angreifer waren Mittelblocker und auf der Außen-Position fehlte uns ein Angreifer. Der damalige Trainer entschied sich, warum auch immer, für mich, um die Lücke auf der Position zu füllen. Aber Annehmen war noch nie meine Stärke und ich muss mich heute noch bei den anderen Annahmespieler bedanken, weil sie den ganzen Job jahrelang zu zweit machen mussten und wir eigentlich mit zwei Diagonalspieler gespielt haben.

Ich glaube, dass die Diagonalposition meinem Naturell am besten entspricht. Ich bin kein guter Blocker und auch absolut kein guter Annahmespieler, im Angriff hingegen find ich meistens Lösungen.

 

 

Warum hast du Aufspieler und Libero nie probiert?

 

Hmmm ... Wahrscheinlich haben meine Trainer gedacht, dass man einen so talentierten Angreifer nicht auf solch einer Positon vergeuden sollte ... Als Zuspieler hätte ich gerne einmal gespielt, aber Libero ist doch keine richtige Position ;-)

 

 

Ja, danke, das haben wir ja in Frankreich schon zur Genüge diskutiert. 😊
Was würdest du als den größten Erfolg deiner Karriere bezeichnen? Und welcher war der schönste Moment?

 

Der größte Erfolg ist schwierig zu sagen. Manche Leute verbinden das immer mit Titel. Für mich war ein großer Erfolg schon ein einziges Spiel oder eine Saison, in der uns niemand etwas zugetraut hat und wir alle überrascht haben. Und das waren dann auch die schönsten Momente ... Einfach so gut zu spielen, wie du kannst und Spaß dabei zu haben.

 

 

Ich erinnere mich, dass du im Jahr vor der Heim-EM 2011 unser einziger Auslandslegionär warst. In der heurigen Saison 2018/2019 haben wir elf Legionäre in ausländischen Ligen. Wie siehst du die Entwicklung des österreichischen Herrenvolleyballs was Spielermaterial, Nationalteam und die heimische Liga betrifft?

 

Ich finde die Entwicklung im österreichischen Volleyball sehr erfreulich. Dank den Akademien in Graz und in Wien und auch toller Ausbildungsarbeit anderer Vereine ist eine neue Generation herangereift, die sich international nicht zu verstecken braucht. Dazu kommt ein Nationalteamtrainer, der seit einigen Jahren mit viel Arbeit und Herz talentierte Spieler weiterentwickelt und sie auf ihrem Weg begleitet. Am individuellen Fortschritt der Spieler sieht man, dass seine Bemühungen Früchte tragen. Leider sind die Erfolge auf dem Papier noch nicht vorhanden, aber das wird sich in den nächsten Monaten garantiert ändern. Meiner Meinung nach ist das Nationalteam in voller Besetzung auf den meisten Positionen international gut bis sehr gut aufgestellt und sonst ist das Material zum Arbeiten vorhanden, damit es in Zukunft auf allen Positionen stark aufgestellt sein wird.

Leider verfolge ich die österreichische Liga nicht sehr intensiv und kann wenig darüber sagen. Wenn sich in den letzten Jahren nicht viel verändert hat, dann glaub ich trotzdem dass es für talentierte Spieler nur den Weg ins Ausland gibt, wenn sie sich verbessern wollen. Ich sehe natürlich das Problem der Vereine, denen meine Worte nicht gefallen werden. Vereine leisten hervorragende Ausbildungsarbeit und wenn der Spieler dann endlich zum Leistungsträger aufsteigt und etwas zurück geben könnte, zieht er weiter. Leider ist es aber bei den meisten Vereinen in Österreich nicht möglich, Bedingungen zu erfüllen, die es dem Spieler ermöglichen, sich immer weiter zu entwickeln bis zum allerhöchsten Niveau (zweimal am Tag trainieren, eine medizinische Abteilung mit Physio, Fitnesstrainer und Ärzten, die rund um die Uhr verfügbar sind, mit und gegen internationale Topstars spielen, den Spieler angemessen bezahlen, versichern, ...). Leider bleibt den Vereinen dann nicht viel, außer dass sie auf „ihren Spieler“ stolz sein können, wenn er dank der tollen Ausbildung international den Durchbruch geschafft hat.

 

 

Was machen die Franzosen in dieser Hinsicht besser?

 

Generell hat Sport in Frankreich einen höheren Stellenwert. Infrastrukturen sind in jeder Stadt vorhanden. In Montpellier befindet sich zudem das CREPS. Alle Talente aus Frankreich ab 15 Jahren kommen bis zur Matura in diesem Internat zusammen und verbringen gleich viel Zeit in der Halle wie hinter der Schulbank. Die komplette Nationalmannschaft außer Superstar Ngapeth (der mit 16 schon in der Kampfmannschaft von Tours gespielt hat) sind durch diese Schule gegangen. Talentierte Spieler sind damit einfacher zu sichten und bekommen nach ihrem Abgang sogenannte „Aspiranten-Verträge“ bei Profivereinen, die es ihnen ermöglichen mit den Profis zu trainieren und in den „Farmsteams“ zu spielen. So trainieren sie auf höchstem Niveau und sammeln Spielpraxis in der dritten, vierten oder fünften Liga. Nicht selten kommt es vor, dass so ein Aspirant sich in die Grundsechs der Profis spielt und somit den Karrieredurchbruch schafft.

 

 

Bereust du bestimmte Schritte in deiner Karriere oder würdest du heute etwas anders machen?

 

Natürlich stellst du dir manchmal Fragen was wäre passiert wenn ... Aber du kannst es sowieso nicht ändern und im Großen und Ganzen bin ich mit meinen Entscheidungen zufrieden. 

 

 

Was waren die drei wichtigsten Tipps, die dir jemals von Trainern gegeben wurden?

 

Schwierig zu sagen ... Ich habe viele Tipps bekommen. Drei Sprüche die mir geblieben sind:

„Lachen im Training, schwitzen im Spiel – Schwitzen im Training, lachen im Spiel.“

„Details machen auf hohem Niveau den Unterschied aus zwischen gewinnen und verlieren.“

„Spieltag = Feiertag“

 

 

Von welchem Coach hast du am meisten gelernt?

 

Ich hatte viele Trainer in meiner Karriere. Von allen konnte ich etwas lernen und etwas mitnehmen. Von manchen auch wie man es besser nicht machen sollte :-) Am meisten habe ich aber von Ludwig Horvath gelernt, der mich damals zum Volleyballspielen gebracht und mir die Grundtechniken beigebracht hat. Als Profi würde ich Emanuele Zanini, Laurent Tillie und Michael Warm (in chronologischer Reihenfolge) hervorheben, von denen ich viel gelernt habe.

 

 

Vor deiner Profikarriere warst du Bankkaufmann. Ich kann mich erinnern, dass du mir einmal sagtest, dies nie wieder sein zu wollen. Weshalb und was planst du nun beruflich für deine Zukunft?

 

Ich finde das Bankgeschäft generell keine faire Sache. Mit Details verschone ich dich aber. Im Moment betreue ich zwei Mannschaften im Nachwuchsbereich und vermiete Ferienwohnungen hier in Narbonne. Für die Zukunft habe ich einen Plan, aber erstmals genieße ich jetzt die Zeit nach dem Volleyball und werde mir ein paar ruhige Wochen gönnen.

 

 

Was würdest du jungen österreichischen Volleyballtalenten auf ihrem Weg mitgeben?

 

Ich würde gerne etwas ansprechen, das mir in den letzten Jahren Kopfzerbrechen bereitet hat. Es geht um die Verträge, die in Österreich mit Talenten abgeschlossen werden. Leider meint ein Vereinsmanager, er sei ein guter Manager, wenn er Talente so billig wie möglich und so lange wie möglich an den Verein bindet. In der Vergangenheit haben dadurch einige dieser Spieler das Handtuch geworfen und haben aufgehört, weil sie keine Zukunft in ihrem Sport sahen. Andere sind nur mit erheblichen finanziellen Verlusten aus solchen Verträgen rausgekommen. Ich kenne die Verhandlungsmethoden einiger dieser „Supermanager“ und würde den jungen Spieler gern einige Tipps mitgeben: Kontaktiert Leute, die sich in der Volleyballwelt auskennen und LASST EUCH ZEIT mit eurer Entscheidung. Unterschreibt auf keinen Fall einen längerfristigen Vertrag. Lasst euch nicht von Vereinen unter Druck setzen und lasst euch ALLES SCHRIFTLICH geben. Ein mündliches Versprechen ist für die meisten Manager leider nichts wert!!! Sie erinnern sich später nur daran, was im Vertrag steht. Nehmt den Vertrag mit nachhause und unterschreibt nie sofort den Wisch, den euch der Manager auf den Tisch legt und euch pusht zu unterschreiben. Gegebenenfalls lasst ihr den Vertrag von einem Juristen prüfen oder ihr kontaktiert gleich einen Spielervermittler, der sich um alles kümmert und auch Angebote aus anderen Ligen erhalten kann.

Aber das Wichtigste überhaupt: Entscheidet euch für einen Verein, in dem ihr die Möglichkeit habt, euch bestmöglich weiterzuentwickeln (guter Trainer, gute Trainingsmöglichkeiten, Mitspieler, Physio, Liga, ...) und nicht für das beste finanzielle Angebot. Nur wenn ihr lernt „richtig“ Volleyball zu spielen, werdet ihr später richtig lukrative Verträge unterschreiben!

 

 

Vielen Dank lieber Philip für die Zeit und die interessanten Antworten und Gratulation zu einer Karriere, auf die du wirklich stolz sein kannst!

 

 

 

 

Autor: Philipp Kroiss

 

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