Volleyballprofi in Rumänien

„Was machst du in Rumänien?“

 

„Hast du nichts Besseres gefunden?“

 

„Musst du dir das antun?“

 

„Haben die überhaupt Hallen?“

 

Die Meinung über Rumänien in Österreich – aber auch in anderen Ländern des Westens – ist mehr als schlecht. Obwohl sich nur wenige selbst ein Bild vor Ort machen, stimmen sie ein in den Chor: Das Land wäre verwahrlost, dreckig, arm und voll mit „Zigeunern“. Straßenhunde lauern an jeder Ecke, um dich zu fressen, und weil es den Rumänen so schlecht geht, kämen sie in Banden zu uns, um zu betteln und zu stehlen.

 

Als ich im Sommer 2017 nach fünf Jahren im Ausland mit meinem Manager einen neuen Verein suchte, waren meine Wunsch-Ligen bereits voll und wir mussten unseren Horizont erweitern.

 

Schließlich kam ein interessantes Angebot aus Rumänien.

 

Ich wusste, dass in diesem Land gutes Volleyball gespielt wird. Den Gedanken, selbst einmal dort mein Geld zu verdienen, hatte ich allerdings nie. Ich informierte mich über das Niveau, den Verein, die Stadt, den Trainer … Ich konnte keinen Haken finden. Meine Zweifel waren dennoch nicht ganz ausgeräumt, als ich wenige Tage später unterschrieb.

 

Heute – anderthalb Jahre danach – bin ich immer noch hier, spiele meine zweite Saison, habe einen Meistertitel und einen Cupsieg im Gepäck, und kämpfe auch heuer wieder um die Titel.

 

Das zweitarmste Land der EU:

 

Ja, in der EU geht es nur noch den Bulgaren schlechter, schenkt man den Statistiken Glauben. Und ja, natürlich kann man das auf den ersten Blick sehen, dass die Menschen hier weniger haben als zum Beispiel in Österreich; Die Städte sind nicht so sauber wie bei uns. Plattenbauten verschönern eine Stadt auch nicht unbedingt, prinzipiell macht man sich nicht so viel aus Ecken und Kanten – kommt mir vor – oder man hat einfach nicht das Geld und die Muße, jeden Schönheitsfehler auszubessern. Der Durchschnitts-Rumäne verdient Netto etwa 500 Euro im Monat – das heißt viele auch weniger – wodurch abgetragene Kleidung etwas Alltägliches ist. Die Straßen sind in sehr schlechtem Zustand und ja, streunende Hunde sind hier Normalität, man findet sie aber NICHT an jeder Ecke und Angst gemacht hat mir bisher noch kein einziger. Was mir sehr gut gefällt: Rumänen reparieren noch und schmeißen nicht einfach alles weg, so wie wir.

 

Doch kommen wir zum Volleyball:

 

„Haben die überhaupt Hallen?“ – Oh ja! Und zwar viel bessere als wir!

Von den zehn Teams, die im Moment in der „Divizia A1“ spielen, haben acht wirklich schöne, große und hohe Hallen mit Platz für hunderte Zuseher.

 

„Hast du nichts Besseres gefunden?“ – Woher weißt du, wie „gut“ die Liga hier ist?

Sie ist definitiv gut. Die Rumänen haben sich – so wie wir – für die EM qualifiziert. Bis auf einen Spieler ihres Kaders sind alle in der rumänischen Liga unter Vertrag. Dazu kommen viele gute Legionäre bei den stärkeren Teams, weil diese hier teilweise mehr verdienen können, als zum Beispiel in der französischen Liga, die vom Niveau her sicher über der rumänischen steht.

 

„Musst du dir das antun?“ – Was tue ich mir denn an?

Ich spiele in einem professionellem Verein mit Top-Trainer (dreimal polnischer Meister, einmal Champions League Finale), trainiere mit guten Volleyballern und spiele in einer Liga, die nicht leicht zu gewinnen ist, um die Titel. Ich lebe NICHT in einem Dritte-Welt-Land, fühle mich sicher und wohl, kann auch hier einen Kaffee trinken, gut essen oder feiern gehen und das alles für einen Bruchteil des Geldes, das ich in Österreich dafür bräuchte. Ich habe einige sehr nette Rumänen auch außerhalb des Volleyballs kennengelernt, bekomme zwei Essen pro Tag – in der rumänischen Liga eine Selbstverständlichkeit –, bin als Volleyballer hier angesehen und akzeptiert (Die Frage „Was und davon kann man leben?“ hat mir hier noch keiner gestellt!) und an einem freien Sonntag kann ich in die wunderschöne Natur flüchten, denn ja, viele Städte sind nicht gerade einladend, das Land Rumänien und seine Natur aber wirklich beeindruckend und unberührt. (Die Unberührtheit hat sicher auch mit Rumäniens mickrigem Straßennetz zu tun. Die gerade einmal 750 Kilometer des Autobahnnetzes in diesem riesigen Land – Österreich hat 1750 – sind der Grund dafür, weshalb Auswärtsfahrten zwischen acht und 14 Stunden – in eine Richtung wohlgemerkt – nichts Besonderes sind!)

 

„Wie gut ist die Liga nun wirklich?“ – Diese Frage ist immer schwer zu beantworten.

In der einen Liga ist die Dichte groß aber es fehlen Top-Teams, die auch in der Champions League ein Wörtchen mitzureden haben, in der anderen hast du zwar solche, die Kluft zu den folgenden Teams ist aber riesig. In der einen Liga hast du viele Zuseher und gutes Medieninteresse aber niedrige Spielergehälter, in der anderen wird den Spielern das Geld in den A.... geschoben aber keiner schaut zu und redet darüber. Meiner Meinung nach sind die Topligen Europas Russland, Polen und Italien. Dann folgt Frankreich mit den „best of the rest“ und der sicherlich ausgeglichensten Liga überhaupt. Dahinter reihen sich Deutschland, Belgien, Türkei und – ja – mit nur sehr geringem Abstand auch Rumänien. Was mir besonders gefällt hier, ist, dass jedes Jahr vier bis fünf Teams ernsthafte Ambitionen auf den Titel haben (vier verschiedene Meister in den letzten vier Jahren!), was man nur von wenigen Ligen in Europa behaupten kann. Wo die Liga sicher noch Nachholbedarf hat: In Sachen Marketing und Zuseher. Der Großteil des Geldes geht direkt in die Taschen der Spieler. Zwar ein Grund warum jedes Jahr wieder der ein oder andere große internationale Kracher hier engagiert wird, aber auch ein Grund dafür, weshalb manche Hallen nur spärlich gefüllt sind (die oft mit 1000 Zusehern pumvolle Halle hier in Zalau ist eine Ausnahme), was schade ist, und durch mehr Geld im Marketing sicherlich zu ändern wäre.

 

„Woher kommt die Marie?“ – Vom Herrn Bürgermeister.

Wieso haben wir im reichen Österreich nur eine 7er-Liga mit lediglich einem echten Profiteam, während hier im armen Rumänien jährlich mindestens zehn Teams antreten und bei den ersten sieben durchgehend Profis – unter diesen natürlich auch ein paar jüngere, die parallel studieren aber dennoch in jedem Training anwesend sind – angestellt sind? In erster Linie liegt es daran, dass das System ein anderes ist. Das Geld kommt hier von den Gemeinden und nicht von privaten Sponsoren. Rumänien hat ein großes Korruptionsproblem. Weil einige Unternehmer das Sportsponsoring zur Geldwäsche missbrauchten, sorgte vor einigen Jahren ein neues Gesetz dafür, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Die Sportteams werden also heute fast überall zu über 90 Prozent von den Städten finanziert. Das Geld „ist also da“, sofern eine Stadt sich dafür entscheidet, ein Volleyballteam zu unterstützen, und muss nicht jedes Jahr aufs Neue von Privaten „erbettelt“ werden. Der Bürgermeister von Zalau, der Stadt, in der ich spiele, brachte dies beim Willkommens-Essen am Anfang der Saison wie folgt auf den Punkt: „Jungs, ihr wisst, dass jeder Einwohner Zalaus hinter euch steht. Aber vergesst auch nicht – in guten wie in schlechten Zeiten – von wo eure Kohle herkommt!“.

 

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