Ein Österreicher zieht die Fäden in der Schweiz, Teil 1

Wir fahren zur EM!

 

Als am 09.01.2019 Xenia Staffelbach mit einem Servicewinner den Satzball des zweiten Satzes im Spiel Schweiz gegen Österreich verwertete, fiel mir ein riesen Stein vom Herzen. Die schwierigen Stunden zwischen Bangen und Hoffen waren vorbei und historisches war erreicht: die Schweizerinnen qualifizierten sich erstmalig aus eigener Kraft für eine Volleyball EM!

 

In meinem Fall etwas unglücklich, dass es ausgerechnet gegen Österreich sein musste, mein Heimatland, das ich vor zehn Jahren verließ um in der Schweiz und für den Schweizer Volleyball tätig zu sein.

 

Mein Name ist Johannes Nowotny. Ich bin geboren in Wien und war von 1995 bis 2009 als Trainer und Funktionär im Wiener Volleyball aktiv. Ich habe dort Damen- und Mädchenteams national und regional sowie für mehrere Vereine trainiert. Mit Ralph Zainlinger und Hans Schmiko habe ich einen Volleyball- ("Volleyteam Wien") und einen Ballsport-Verein ("Ballschule") aufgebaut und darüber hinaus den Wiener Kader geleitet. Ich war und bin ein Volleyballverrückter, der neben der Arbeit und Studium seine Freizeit voll und ganz dem Volleyball widmete. 2009 war ich dann endlich mit meinem Studium fertig und stellte mir die Frage - Wie weiter?

 

Für mich war schnell klar – entweder 100% Volleyball oder 100% Job. Idealerweise beides miteinander kombinieren. Da die Bedingungen in Wien schlecht sind, Volleyball als Beruf auszuüben oder einen Volleyballverein als Unternehmen zu führen, war für mich schnell klar; dieser Weg geht nur im Ausland. Also habe ich mich überall auf der Welt beworben und bin dann schließlich, per Zufall, als Head Coach des NLA (= Erste Bundesliga in der Schweiz) Frauenteams Sm’Aesch Pfeffingen in der Schweiz gelandet. Zwei Jahre später habe ich angefangen für Sm’Aesch Pfeffingen eine Nachwuchsakademie aufzubauen und im Nebenjob für Swiss Volley das Jugendnationalteam (JG 96) zu übernehmen. Seit 2014 arbeite ich nun Vollzeit als Nachwuchskoordinator und Nachwuchsnationalteamtrainer beim Schweizer Volleyballverband.

 

Damit schließt sich der Kreis zu diesem historischen Spiel, bei dem auf Schweizer Seite vor allem die jungen Schweizerinnen (JG96 - JG99) die Teamstützen waren. Daran dass es soweit kam, war ich nicht ganz unschuldig:

 

Als ich das Schweizer Nachwuchsnationalteam übernahm, wurde ich konfrontiert mit einem Sichtungsinstrument (PISTE), das ich bis dato nicht kannte. Swiss Olympic hat 2008 damit begonnen, seinen nationalen Verbänden zu «empfehlen», systematische Sichtungen umzusetzen mit der Idee nicht die aktuell Besten sondern die Geeignetsten zu fördern. Dieser für mich sinnvolle Ansatz, den ich auch schon in Wien in den Landeskadern praktiziert hatte, fand ich sehr interessant. Die überwiegend datenbasierte Selektion war für mich jedoch neu. Ich nutzte und nutze das Instrument daher sehr stark, auch zum Missmut vieler Schweizer Trainer*innen, bei der Selektion der Spielerinnen. 

 

Das Resultat dieser Sichtungen ist, dass nur zwei der 14 Spielerinnen des Kaders vom 09.01.2019 – alle älter als JG 96 – NICHT durch die PISTE gesichtet wurden. Wenn man die High Potentials wegrechnet, also jene Spielerinnen, die jeder Trainer gesichtet hätte, dann bleibt noch circa die Hälfte der Spielerinnen, die ab 2011 den Prognosen wegen gefördert wurde und nicht, weil sie bereits das Können hatte, Volleyball auf internationalem Niveau zu spielen. Ein weiterer positiver Effekt war, dass wir auf Grund der Daten Spielerinnen aufzeigen konnten, dass sie zum Beispiel im Angriff weniger Chancen hätten als am Pass und diese daraufhin die Position wechselten. Dies betrifft beide Nationalteamzuspielerinnen der Schweiz.

 

Natürlich ist diese Art der Sichtung nur ein kleiner Puzzelstein zum ersten Erfolg dieses Schweizer Nationalteams. Es zeigt aber, was mit strategischer Planung auch für ein kleines Land möglich ist. Ein weit größeres Puzzelstück war die Arbeit der vielen Trainer*innen in den Vereinen und den Talent Schools und vor allem von Head Coach Timo Lippuner und seinen Assistenten, deren sehr großes Engagement - auch gegen viele Widerstände im eigenen Land - ausschlaggebend dafür war, dass das Ziel schließlich Realität wurde.

 

Nach einer für die Schweiz guten Auslosung (Slowakei, Russland, Deutschland, Weißrussland, Spanien) fährt das junge Schweizer Team nun an die EM nach Bratislava und wird dort die nächsten Schritte machen. Jedoch ist allen bewusst, dass ein Überstehen der ersten Runde bereits ein großer Erfolg wäre. Die Aufgabe des Verbandes ist es, nun jährlich neue Spielerinnen zu selektionieren, auszubilden und als Profis ins Ausland zu bringen, damit der Schwung dieses Teams weitergeht und die Schweizer Volleyballerinnen in der Spitze Europas ankommen. Die Zeichen dafür stehen aktuell gut.

 



 

Autor: Johannes Nowotny

Der Österreicher Johannes Nowotny arbeitet sehr erfolgreich im Schweizer Volleyballverband. In der nächsten Woche erfahren wir weitere Details von ihm.

 

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