Ein Österreicher zieht die Fäden in der Schweiz, Teil 2

Volleyball - ein Sport mit zwei – mittlerweile drei – Disziplinen!

 

Seitdem ich in der Schweiz angekommen bin, beschäftigt mich das Thema Beachvolleyball mehr als noch in Österreich. Als NLA-Volleyballtrainer war ich unglücklich darüber, dass die besten jungen Spieler*innen im Sommer beachten anstatt in der Halle an ihrer Technik zu trainieren. Als Nachwuchsnationalteamtrainer fühlte ich unsere Kader bedroht von der Konkurrenz aus dem Beachvolleyball. So wir mir ging es vielen Trainer*innen. Daher war das Thema über viele Jahre ein Zankapfel im Verband. Heute bin ich der Meinung, das einzige Problem damals war ein fehlender Richtungsentscheid und dadurch eine klare Strategie.

 

Diesen Entscheid traf in der Schweiz der Zentralvorstand von Swiss Volley im Jahr 2017 mit der «Strategie 2024». Dabei wurde die strategische Ausrichtung definiert. Sie lautete unter anderem: Im Beachvolleyball an den Olympischen Spielen Medaillen gewinnen und im Volleyball Strukturen schaffen, die es erlauben, Profis an die internationale Spitze heranzuführen.

 

Diese einfache Formel – Wettkampfziele im Beachvolleyball und Prozessziele im Volleyball - hatte große Auswirkungen auf meine Arbeit. Nachdem die Richtung klar war, war es im Verband einfacher, Entscheide zu fällen und diese zu argumentieren. Darum wird zur Zeit im Volleyballbereich mehr in die individuelle Ausbildung der Spieler*innen und weniger in die Nachwuchsnationalteams investiert. Zum Beispiel ist die Ambition des Frauen-Elitenationalteams, zumindest bis 2024, NICHT die Teilnahme an den olympischen Spielen. :)

 

Da die Strategie auch Verbindlichkeiten schafft, wurde intern viel diskutiert, wie diese Ziele dauerhaft erreichbar sind. Die Schwierigkeiten für die Zielerreichung, betitelten die Trainer*innen beider Disziplinen gleich:

  • Wir brauchen mehr Spieler*innen mit Potenzial international im Block- und Angriff spielen zu können.
  • Wir brauchen besser ausgebildete Spieler*innen im Bereich Technik und Taktik sowie in der Athletik.

Da die Probleme für beide Disziplinen gleich sind, war schnell klar – Wir sitzen im selben Boot. Damit war die Zusammenarbeit zwischen Volleyball und Beachvolleyball einfacher. Die Frage "Volleyball oder Beachvolleyball?" trat in den Hintergrund, die Bedürfnisse der Athlet*innen in den Vordergrund.

 

 

Mehr Spieler*innen? Ist das überhaupt möglich?

 

Es gibt in Europa einige erfolgreiche, kleine Länder im Volleyball und/oder Beachvolleyball. Denken wir an Belgien, Slowenien oder Norwegen. Dazu gibt es etwas größere Länder wie die Niederlande oder Serbien, die international top sind. In anderen professionellen Sportarten wie Fußball kann ein kleiner Staat wie Island konkurrenzfähig sein. Die Schweiz ist im Fußball und Eishockey trotz großer internationaler Konkurrenz über viele Jahre erfolgreich. Also ja, das muss auch im Volleyball und Beachvolleyball möglich sein (im Beachvolleyball naturgemäß einfacher als im Volleyball auf Grund der Anzahl von benötigten Spieler*innen).

 

Meiner Analyse nach haben die genannten Länder und Sportarten mit sehr unterschiedlichen Systemen und Ansätzen Erfolg. Aber alle haben einen Plan und investieren in jene Bereiche, die ihnen sinnvoll erscheinen. Diese Bereiche gehen von sehr strukturierten Sichtungen und Scouts im ganzen Land über eine breite Ausbildung in den Schulen bis hin zu einer Zentralisierung der interessantesten Spieler*innen an einem Ort. Egal wie das einzelne System aussieht, scheint es entscheidend, dass Rollen, Aufgaben und Verantwortungen klar definiert werden müssen.

 

 

Was brauchen die einzelne Athlet*innen um an die Olympischen Spiele oder in die Champions League zu kommen?

 

Wenn wir uns überlegen, wie der ideale Athletenweg einer Spieler*in aussehen könnte, dann das einfach. Sie brauchen:

  1. Den Willen, international erfolgreich Volleyball zu spielen und die Langzeitmotivation das durchzuziehen.
  2. Die positionsspezifischen körperlichen Voraussetzungen und eine ausreichende Belastungsverträglichkeit.
  3. Eine Trainer*in und/oder einen Verein, der ihnen nicht im Weg steht.
  4. Eine Trainer*in, die sie fördert und fordert.
  5. Ein Umfeld, in dem sie Sport und Ausbildung unter einem Hut bringen können.

Die Reihung ist bewusst so gewählt, denn meine Erfahrung ist, dass es oft das direkte Umfeld der Athlet*innen ist, das es ihnen schwer macht, sich zu entwickeln. «80% ist die Athletin, 15% die Trainer*innen und Vereine, die ihr nicht im wegstehen und 5% die Trainer*innen, die sie betreuen», sagte Werner Dietrich (weltweit erfolgreicher Leichtathletiktrainer) anlässlich einer Trainertagung in Magglingen.

 

 

Zurück "auf" die "PISTE":

 

Die PISTE habe ich ja bereits im ersten Teil angesprochen. PISTE steht für „Prognostisch Integrative Systematische Trainer-Einschätzung“. Das ist nicht anderes als eine Testbatterie, die den Trainer*innen mit Fakten bei der Potenzialeinschätzung ihrer Athlet*innen hilft. Das von Swiss Volley definierte Ziel der PISTE im Volleyball ist es, Block- und Angriffsspieler*innen für den internationalen Volleyballsport zu identifizieren. Bei der Beurteilung der Testergebnisse wiederum spielen Dinge wie das spezifische Trainingsalter oder das biologische Alter und der Entwicklungsstand der Spieler*innen eine Rolle. Dabei ist die Auswertung der Testbatterie so gestaltet, dass je nach Alter der Spieler*innen die einzelnen Testergebnisse unterschiedlich stark gewichtet werden. PISTE alleine reicht aber nicht aus, um eine fundierte Potentialaussage treffen zu können. Daher hat Swiss Volley eine „Systematische Talentsichtung“ konzipiert, bei der PISTE zwar ein zentraler Teil ist, aber nicht das alleinige Entscheidungskriterium für eine Selektion oder Nichtselektion.

 

Es gibt ein Video von Swiss Olympic, dass die Idee sehr gut auf den Punkt bringt.

 

 

Wie könnte ein ideales Verbands- und Vereinsumfeld aussehen?

 

Wenn die Spieler*innen da sind, dann gilt es ein Umfeld zu schaffen, in dem diese wachsen können. Dazu gibt es sicher eine Vielzahl von Möglichkeiten als Verband, in das Umfeld lenkend einzugreifen. Das ideale Zusammenspiel zwischen Vereinen und Verbänden könnte zum Beispiel so aussehen:

  • Zuerst brauchen wir Spieler*innen. Je mehr umso besser. Dabei ist es anfänglich egal, wo und wieviel sie trainieren, wie talentiert sie sind oder welche Voraussetzungen sie mitbringen. Es müssen nur viele sein, die Spaß am Sport haben und den Volleyballsport für sich entdecken. Erlebnis statt Ergebnis ist hier wichtig auf dieser Stufe. Das strukturelle Ziel ist es, in jedem Dorf einen Volleyballverein zu haben – wie im Fußball.
  • Aus dieser großen Masse an Spieler*innen bilden regional eine paar Vereine Anschlussgefäße für die interessierten Spieler*innen. Dies Vereine sichten systematisch aus den «kleineren» Vereinen und wertschätzen ihre Arbeit. Da Ablösezahlungen im Volleyball als Amateursport auf dieser Ebene immer gering ausfallen werden, brauchen wir eine andere Art der Wertschätzung für diese Vereine (Ich kann mich gut an meine Zeit aus Wien erinnern, wo hinter dem Rücken der Vereine Spieler*innen zu einem Verein gelockt wurden, die Trainer*innen der kleinen Vereine mit der Zeit das Interesse verloren und diese Vereine einfach aufhörten zu existieren!).
  • Die nächste Stufe ist dann ein nationales Angebot für die besten Spieler*innen, die sich durchgesetzt haben. Vielleicht könnte das bereits die Bühne für die 1.Bundesliga sein, die den Spieler*innen die Möglichkeit gibt, den Anschluss an internationales Niveau zu bekommen. Aber auch diesen Vereinen muss bewusst sein, dass die Spieler*innen über kurz oder lang ins Ausland gehen müssen, um persönlich weiter zu kommen. Wenn sie sich national durchgesetzt haben, lassen sie sie ziehen.

Der Schweizer Fussball ist wie oben beschrieben organisiert - nicht die schlechteste Adresse in Europa. Das System funktioniert jedoch unter anderem, da muss man ehrlich sein, weil hohe Ablösesummen gezahlt werden zwischen den Vereinen. Aber der Verband kann das Zusammenspiel der einzelnen Gefäße begünstigen durch Anreize, ein gutes Reglement, Ausbildungsentschädigungen und direkte Förderungen.

 

Wie oben bereits erwähnt, brauchen wir im Volleyball andere Ideen für Wertschätzung als Geld. Vielleicht wäre da schon geholfen, wenn die Vereine, die öfter trainieren, den Vereinen, welche die Spieler*innen bringen, gewisse Alterskategorien einfach überlassen? Jeder will etwas Erfolg haben. Ich frage mich oft, ob es wirklich wichtig für den 1.Bundesliga-Verein ist, in jeder Alterskategorie gewinnen zu müssen (Ich hoffe die Förderlandschaft in Österreich hat sich mittlerweile von einer Förderung der Nachwuchsmeistertitel wegentwickelt)? Haben die Vereine mal analysiert was aus den Spieler*innen wird, die sie in diesem Alter pushen?

 

Ich denke es ist aus Sicht des 1.Bundesliga-Vereins nicht klug seine – im internationalen Vergleich – geringen Mittel in alle Alterskategorien zu investieren. Nachwuchsarbeit kostet viele Ressourcen und ist mit einer enorm hohen Drop-Out-Rate verbunden. Der Grund für den Drop-Out von Spieler*innen ist dabei vielfältig (Motivation, andere Interessen, Verletzungen, mangelnde Belastungsfähigkeit, mangelnder Fortschritt, …) und hängt oft nicht direkt mit der Qualität der Trainer*innen zusammen. Die aktuellen Möglichkeiten mit der Ausbildung von Spieler*innen zu verdienen, sind im Volleyball gering beziehungsweise gehen nur über ein Spielermanagementsystem, wie das zum Beispiel Volero Zürich betreibt (Volero bemüht sich um lange Verträge mit den Spielerinnen und leiht sie  dann an andere Clubs aus). Dazu kommt, dass jede Alterskategorie unterschiedliche Anforderungen stellt an die Fähigkeiten der Trainer*innen sowie die Infrastruktur und Organisation der Vereine. Nicht alle Vereine haben die Voraussetzung, die es braucht, um zum Beispiel 1. Bundesliga spielen zu können. Aber viele können im Nachwuchs – gerade im untersten Bereich – gute Arbeit leisten. Sprich, wenn es klarer wäre, wer in einem System welche Aufgabe hat, könnte man die Kräfte und Ressourcen besser einsetzen und hätte einen besseren Output. Das bedeutet vielleicht auch mal, den «Anderen» etwas Raum zu lassen, ihnen etwas zuzutrauen.

 

Es gibt einen Spruch, der mir in diesem Zusammenhang gut gefällt: «Culture eats strategy for breakfast»! Der zeigt klar auf, dass solche Ideen in der Umsetzung immer zuerst auf Widerstand treffen werden. Einzelne würden Macht und Einfluss verlieren, andere gewinnen. Damit ist es klar, dass ein Projekt, welches in gewachsenen Strukturen eingreifen will, über Jahre wachsen muss und erst durch viele gute Beispiele einmal funktioniert kann.

 

In der Schweiz machen wir uns zu diesem Thema viele Gedanken. Der neue Athletenweg «FTEM Volleyball und Beachvolleyball» geht in die oben genannte Richtung. Das Ziel ist es, den Leistungssport besser mit dem Breitensport zu verknüpfen und Übergänge, Verantwortungen und Rollen besser zu definieren. Es wird nicht das alleinige Heilmittel sein, daneben gibt es noch viele andere Themen, die wichtig sind (Förderstrukturen und die Höhe der Fördermittel, Ausbildungsmöglichkeiten, Stellenwert in der Gesellschaft, Chancen auf persönlichem Erfolg, etc.).

 

Wenn das System funktioniert, dann würde sich die Frage nach Volleyball oder Beachvolleyball auf Grund der großen Anzahl an guten Spieler*innen nicht stellen. Die Anzahl der Beachvolleyballspieler*innen, die vom Sport Leben können, ist sehr klein im Vergleich zu den Möglichkeiten im Volleyball. Daher ist es auch schwierig und kostenintensiv in dieser Disziplin international Fuß zu fassen. Zurzeit herrscht in der Schweiz «First Pick» für die Beachvolleyballtrainer*innen, sprich sie können den Spieler*innen ein Angebot machen für ihre Förderkader. Da dieses aber nicht alle Spieler*innen annehmen, wird das Volleyball-Elitenationalteam auch in Zukunft genügend Spieler*innen haben, die es füllen können. Es wird auch vom Drop Out im Beachvolleyball profitieren.

 

Jede Reise beziehungsweise Idee beginnt mit einem ersten Schritt. In diesem Sinne wünsche ich: bon voyage, buon viaggio und bun viadi!

 

 

 

 

 

 

Autor: Johannes Nowotny

Der Österreicher Johannes Nowotny arbeitet sehr erfolgreich im Schweizer Volleyballverband. 

 

           

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