Homogenität und Diversität im Volleyballteam

Da ich neben meiner sportwissenschaftlichen Lehrtätigkeit auch Biologe bin, beschäftige ich mich immer wieder mit der biologischen Grundlage sportlichen Handelns, als Volleyballer natürlich gerne am Beispiel des Volleyballsports. Die biologischen Grundlagen physischer Leistungskomponenten sind meist naheliegend. Richtig interessant wird es aber meiner Ansicht nach, wenn man erkennt, dass unser Verhalten z.B. im Leistungssport, beispielsweise konkret im Volleyball-Leistungssport, auf biologischen Grundlagen fußt.

 

Erkennen wir die biologische Grundlage, also unsere Natur, hinter dem augenscheinlichen kulturellen sportlichen Verhalten, so fällt es uns als Trainer, Mitspieler oder Funktionär leichter, Verhaltensweisen zu verstehen und in weiterer Folge entsprechend angemessen und erfolgreich darauf zu reagieren.

 

Der soziale Verband, die soziale Gruppe, das Team, wie auch immer wir es nennen wollen, wurde in der Natur gut untersucht. Die Erkenntnisse von unseren evolutionär engsten Verwandten, vor allem den Schimpansen, erlauben Rückschlüsse auf unsere genetische Grundausstattung, mit der wir unsere Volleyballkarriere absolvieren. Es gibt zahlreiche weitere Analogien und auch echte Homologien aus der Natur, die Aufschlüsse über die natürliche Grundlage unseres Verhaltens geben bzw. auch Informationen über den Aufbau sozialer Strukturen (z.B. das Team) liefern. Und im Folgenden möchte ich ein paar Schlüsse aufzeigen, die sich aus den vorhandenen Studien ergeben.

 

Die Geschichte hat gelehrt, dass die Wahrheit nie schwarz oder weiß ist, sondern immer irgendwo dazwischen liegt. Egal, ob es sich um das Jahrzehnte andauernde Ringen um die Wahrheit bei der Frage Gene oder Umwelt handelt (in der Wissenschaft erleben wir immer wieder dieses Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Standpunkten) oder ob im Volleyball konditionell-konstitutionelle Eigenschaften oder technisch-koordinativ-taktische Eigenschaften wichtiger sind. Und so liefert nur der differenzierte Blick unter Berücksichtigung beider Seiten die Erkenntnisse, um die Wahrheit zu erkennen. Lange Rede, kurzer Sinn. Das Team ist ebenso wichtig wie die Individuen. Die Frage Individuum oder Gruppe an sich ist müßig, da es eine Gruppe ohne Individuen nicht geben kann. Jedes Individuum bringt individuelle Eigenschaften mit. Ein Individuum benötigt aber eine Gruppe, um z.B. die Meisterschaft im Volleyball zu gewinnen.

 

Die Homogenität der Gruppe ist ebenso wichtig wie die Diversität in ihr. Es ist abhängig von der jeweiligen Situation, die durch Teammitglieder, Betreuer, Umfeld, langfristige (Saison) und kurzfristige (Match, Ballwechsel) Situationsentwicklung entsteht, ob das Team in einem Moment die individuellen Eigenschaften eines einzelnen Spielers mehr oder weniger benötigt und nutzt.

 

Hier einige Beobachtungen aus der Natur zum Thema Gruppe oder Individuum:

 

 

Gruppennorm und Homogenität:

 

Eine gemeinsame Verhaltensnorm innerhalb einer Gruppe macht das Verhalten der Gruppenmitglieder vorhersagbar. Damit werden Spannungen innerhalb der Gruppe verringert und es bleibt mehr Energie für Gruppenaktivitäten. Das steigert die Ökonomie der Gruppe und ist ein Selektionsvorteil. Somit ist die Gruppe mit Gruppennormen unterm Strich erfolgreicher. Wird durch soziales Fehlverhalten gegen die Verhaltensnorm der Gruppe verstoßen (z.B. durch Egoismus, individuelle Verhaltensauffälligkeit), so wird dies von anderen Gruppenmitgliedern geahndet. Der Mechanismus ist in der Natur wie auch in unserer menschlichen Kultur denkbar einfach: Die anderen Gruppenmitglieder reagieren mit Aggression (z.B. Hänseln, Auslachen, Verprügeln, Ausschließen,…). Diese Phänomene sind im Tierreich wie auch beim Menschen beobachtbar. Bei Erwachsenen möglicherweise subtiler und gesellschaftlich angepasster (z.B. Verwarnung, Ausschluss, Ignorieren) als bei Kindern und Jugendlichen (z.B. Hänseln, Auslachen). Aber die Grundstruktur dieses Verhaltens ist dasselbe. Eingeleitet und verstärkt werden diese Erziehungsmaßnahmen von sogenannten Konformitätsverstärkern, meist ranghohen Gruppenmitgliedern. Außenseiter sollen somit dazu veranlasst werden, ihr Verhalten wieder an die Gruppennorm anzupassen. In vielen Fällen ist das Ausüben derartigen sozialen Druckes auf den Menschen als soziales Wesen überaus erfolgreich.

 

Eine Schimpansengruppe in einem Zoo erhielt ihr Abendessen immer zur gleichen Uhrzeit. Die Regel der Wärter war: Wenn ein Tier zu spät kommt, bekommt die gesamte Gruppe kein Abendessen. Zwei junge männliche pubertierende Schimpansen ließen ihren Egos freien Lauf und kamen fünf Minuten zu spät. Die gesamte Gruppe bekam in der Folge nichts zu essen. In diesem Fall wurden die beiden von den anderen Gruppenmitgliedern verprügelt. Die soziale Erziehungsmaßnahme führte dazu, dass sie am nächsten Tag zehn Minuten vor der Essenszeit vor der Essensausgabe warteten. Ihr Verhalten hatte sich somit wieder an die Gruppennorm angepasst. Keine Frage, die Art und Weise der Erziehungsmaßnahme ist nicht mit unseren gesellschaftlichen Werten vereinbar. Aber es geht uns hier um die dahinterliegende Verhaltensgrundlage und die finden wir auch beim Menschen in derselben Weise. In Ausnahmefällen leider immer noch in ähnlich archaischer Form.

 

Soziales Fehlverhalten in Volleyballmannschaften sollte aus biologischer Sicht ebenso Erziehungsmaßnahmen durch Teammitglieder und/oder Trainerteam (Konformitätsverstärker) nach sich ziehen, um die verhaltensmäßige Wiedereingliederung in die Gruppe zu erreichen. Zurechtweisen, Ignorieren, über sie/ihn lustig machen, Verwarnen, kurzzeitiges Ausschließen, Strafen, usw. Welche Methode sozial angemessen ist und Erfolg verspricht, ist stark situations-, sportart-, gruppen- und persönlichkeitsabhängig. Es erfordert erhebliches soziales Feingefühl und klare Werte und Normen innerhalb eines Vereines und einer Mannschaft.

 

Konformitätsverstärkern (oft Trainer und höherrangige Spieler) achten auf die Einhaltung der Gruppenregeln von Gruppenmitgliedern. Konformitätsverstärker sind für die kurz- und langfristige Entwicklung einer Sportmannschaft somit von besonderer Bedeutung.

 

 

Individualität und Diversität:

 

Individualisten bringen in eine Gruppe (z.B. das Volleyballteam) besondere, neue oder andersartige Fähigkeiten, Ideen oder Eigenschaften ein. Diese individuellen Besonderheiten können wichtig für die Weiterentwicklung und den Erfolg einer Gruppe sein. Individualisten ermöglichen der Gruppe, auf unerwartete, neue oder besondere Herausforderungen eine erfolgreiche Antwort zu haben, wenn ihre besonderen Fähigkeiten für das erfolgreiche Überleben der Gruppe von Vorteil ist.

 

Dieses Erfolgskonzept ist Milliarden Jahre alt und ein Grundpfeiler der biologischen Evolution. Einerseits ist es wichtig, Organismen möglichst fehlerfrei zu reproduzieren, denn was sich bewährt hat wird sich auch in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit bewähren. Doch gelegentliche Mutationen, also kleine Veränderungen der Organismen, bieten die Möglichkeit der evolutionären Weiterentwicklung und Anpassung an veränderte oder besondere Umweltbedingungen bzw. Herausforderungen. Die Gruppe bedient sich der Individualisten, um ihr Überleben bzw. ihren Erfolg zu sichern.

 

Bakterienstämme können sich mittels Diversität innerhalb des Stammes an Veränderungen des Milieus anpassen. Eine Primatengruppe wird durch menschliche Eingriffe aus ihrem Territorium vertrieben und damit ihrer Nahrungsgrundlage beraubt. Ein Gruppenmitglied mit einer sehr individuellen Ernährungsbesonderheit, die von der Gruppe bisher ignoriert wurde, da es einfachere Methoden der Nahrungsbeschaffung gab, sichert nun plötzlich das Überleben der Gruppe.

 

Die individuellen besonderen Fähigkeiten der Mitglieder des Volleyballteams erhöhen die Erfolgschancen eines Teams. Vorausgesetzt die jeweilige Fähigkeit wird vom Spieler, den Mitspielern und dem Trainerteam erfolgreich eingesetzt. Diese besonderen Fähigkeiten können nun konstitutionell-konditioneller Natur sein: Körpergröße, Armlänge, Sprunghöhe, Schnelligkeit, usw. Sie können technisch-koordinativ-taktischer Natur sein: Blocktechnik, Individualtaktik im Angriff gegen einen hohen Block, usw. Sie können natürlich aber auch psychisch-sozialer Natur sein: Motivation, Wille, kommunikative Fähigkeiten, Empathie, usw. Es liegt am Trainerteam, den Athleten auszubilden, diese besonderen Fähigkeiten situationsangepasst optimal einzusetzen. Dies gilt auch für das restliche Team (z.B. Zuspieler), das lernen muss, den jeweiligen Spieler mit besonderen Fähigkeiten (z.B. Angreifer) situationsangepasst optimal einzusetzen.

 

Somit steht der Individualist im Dienste des Teams und die Gruppe bedient sich je nach Situation der besonderen Fähigkeiten von Individualisten, um als Gruppe erfolgreich zu sein.

 

Besondere Spieler erhalten von den Medien besondere Aufmerksamkeit. Dieses Feiern von einzelnen Helden hat sich in unserer medialen Landschaft durchgesetzt. Es muss somit gelernt werden, damit richtig umzugehen. Die soziale Anerkennung, die der Mensch so dringend braucht, ist für die erfolgreichen Individualisten von Medien und Umfeld gesichert. Umso wichtiger erscheint es, dass innerhalb des Teams die reale Situation klar kommuniziert und gelebt wird: Der Individualist ist ein Diener des Teams. Teams gewinnen Meisterschaften. Nicht Einzelspieler. Es ist darauf zu achten, dass das gesamte Team soziale Anerkennung erfährt. Der Einfluss der Medien und der Umwelt auf die Spieler lässt sich nicht ausblenden. Eine von Vereinsführung, Trainerteam und Teammitgliedern täglich gelebte Teamkultur beugt jedoch Selbstüberschätzung von erfolgreichen Individualisten vor und rückt für alle Teammitglieder die Bedeutung von Team und Einzelleistungen ins rechte Licht. Den Trainern und höherrangigeren Spielern kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu.

 

 

Es bleibt in unserer menschlichen Kultur und damit auch im Sport so wie wir es in der Natur von der biologischen Evolution seit Milliarden Jahren kennen. Gruppen von Organismen sind am erfolgreichsten, wenn sie Homogenität und Diversität vereinen. Für die Erhaltung der Homogenität in der Gruppe bedarf es Konformitätsverstärker, welche die anderen Gruppenmitglieder dazu motivieren, die Gruppennormen (im Sport: Werte und Verhaltensnormen) einzuhalten. Individualisten bringen besondere Fähigkeiten in die Gruppe ein, deren sich die Gruppe bedient, um in herausfordernden Situationen erfolgreich zu sein. Hierbei schließt es sich nicht aus, dass Konformitätsverstärker im Team auch individuelle Besonderheiten mitbringen.

 

Die Frage „Was ist wichtiger, Team oder Individualität?“ ist somit stark situationsabhängig. Langfristig sichert das Team den Erfolg. Kurzfristig bedient sich das Team situationsabhängig immer wieder der individuellen besonderen Eigenschaften der Teammitglieder, welche auch matchentscheidend (überlebenswichtig) sein können. Manchmal mehr, manchmal weniger. Die Vereinsziele (Meisterschaft, Champions League, Europacup, usw.) werden aber von Teams gewonnen. Das Team bedient sich der Fähigkeiten der Individualisten. Also wenn es unbedingt eine Entscheidung zwischen Team oder Individualisten geben muss: TEAM 😉

 

 

 

 

Autor: Dr. MMag. Jochen Lanegger

Jochen war jahrelang Spieler in der Ersten Österreichischen Bundesliga und lehrt am Institut für Sportwissenschaften in Graz.

 

 

 

 

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