Neue Nachwuchsregeln - gut oder schlecht?

 

Seit Wochen werden in ganz Österreich zwei neue Regeln für die neue Jugendsaison diskutiert. Ab der nächsten Saison darf der Ball in der Jugend die Decke berühren, wenn er danach im eigenen Feld bleibt und JugendspielerInnen dürfen nur noch an maximal zwei ÖMS teilnehmen. Ich werde mich mal beiden Themen annehmen und hoffentlich eine konstruktive Diskussion anregen ...

 

Die Decke

 

Diese Regelung besagt, dass man ab sofort den Ball gegen die Decke spielen darf und das Spiel weitergeht, wenn der Ball im eigenen Feld bleibt. Aus meiner Sicht ist der Fehler der Deckenberührung ein Relikt aus den alten Tagen des Volleyballs. Die Gründe für die Einführung dieser Regelung sind für mich die folgenden:

 

  • Niemand hat einen Vorteil, wenn der Ball die Decke berührt. Das Spiel wird nicht positiv beeinflusst.

  • Wir bringen unseren Kindern (oder sollten es wenigstens) bei, den Ball hoch in die Mitte des Feldes zu verteidigen und dann sollte man eine hohe Abwehr nicht bestrafen sondern belohnen.

  • Es kommt sogar zu Situationen, die wir explizit wollen. Dort werden dann Wahrnehmung, Reaktionsschnelligkeit und Improvisation geschult. (Alles sehr wichtige Fähigkeiten in unserem Sport)

  • Die Ballwechsel werden länger. (Das wollen wir doch, oder?)

 

Wenn es nach mir ginge würde ich die Deckenberührung komplett abschaffen, aber ich bin leider nicht in der FIVB-Regelkommission. Ich würde dann aber nur die Deckenberührung nach dem jeweils ersten Ballkontakt nach der Überquerung des Balls über das Netz erlauben. Wer sich letzte Woche die Endspiele der deutschen Bundesliga angeschaut hat, wird gesehen haben, dass bei den Damen der Matchball im Tiebreak nach einer tollen Abwehr an der Decke gelandet ist und damit die Meisterschaft beendet war. Ein trauriges Ende wie ich finde. Ich glaube, dass es für Zuschauer und Spielerinnen deutlich interessanter gewesen wäre, wenn der Ball noch im Spiel geblieben wäre. Wer weiß wie dramatisch es noch geworden wäre ...

Bei den Männern gab es in Friedrichshafen im fünften Satz eine ähnliche Situation im entscheidenden Spiel. Unser Spiel wird immer athletischer und athletischer (Ich sage nur Abschlaghöhen jenseits der 3,80 m, also Kopf auf Höhe des Basketballrings) aber die Regeln kommen nicht mit. Sicher kommt jetzt irgendein schlauer Mensch auf die Idee, dass man ja noch höhere Hallen bauen könnte. Für mich ist dies keine Lösung, sondern es würde Sinn machen eine veraltete Regel abzuschaffen

 

Wenn ich jetzt mal das Niveau wechsle und mir in Niederösterreich die Spiele in den regionalen Runden anschaue und sehen muss wie oft die Ballwechsel enden, weil trotz einer guten Abwehr auf einen harten Schlag, eine niedrige Decke den Ballwechsel beendet, dann würde ich mir diese Regelinnovation auch hier dringend wünschen.

 

In der Jugend macht es oben genannten Gründen aus meiner Sicht dann doppelt Sinn die Deckenberührung zuzulassen. Diese Chance haben wir nun ergriffen und ich kann der Sache nur positives abgewinnen, denn war das Motto der FIVB nicht mal „Keep the Ball flying“?

 

Teilnahmebegrenzung ÖMS

 

Gleich vorab, auch diese Regelung halte ich für eine gute Sache.

 

Auch wenn die Vereine beste Absichten haben, werden sie Jugendliche im Zweifel nicht schonen, sondern auf jeden Wettbewerb schicken. Dies ist teilweise durch externe Zwänge (nicht genügend Spieler, Nachwuchsverpflichtung usw.) bedingt, teilweise dem falschen Ehrgeiz einzelner Trainer geschuldet.

 

Aber es ist längst nachgewiesen, dass eine zu häufige Teilnahme an nationalen Meisterschaften einen frühen Drop-Out vom Sport stark beeinflusst. In der Schweiz z.B. kann man sogar nur noch an einer einzigen nationalen Meisterschaft teilnehmen. Dadurch haben die Athleten wirklich einen Höhepunkt in der Saison und nicht drei bis vier Drittel- oder Viertelhöhepunkte. Spielt man drei oder mehr Meisterschaften verliert das Ganze schnell an Wert. Durch die neue Regelung kommen am Ende auch mehr SpielerInnen insgesamt zum Einsatz und es erreichen auch mal Vereine und SpielerInnen eine ÖMS, die das sonst nie schaffen würden. Das kann zwar das Niveau etwas senken, aber dafür entwickeln wir wieder mehr in die Breite. Und was nützt uns das eventuell höhere Niveau, wenn wir immer die gleichen AthletInnen sehen?

 

Ich fände es ohnehin sinnvoller die ÖMS U16/U20 und U14/U18 parallel zu machen und dafür Mitte Mai mit den ÖMS fertig zu sein. Dann würde sich die Diskussion ohnehin erübrigen.

 

Ich möchte am Schluss noch betonen, dass dies meine persönliche Meinung ist und ich mich explizit über eine Diskussion freue

 

 

Marc Demmer ist Landessportkoordinator im NÖVV - diesen Artikel hat er aber nicht in dieser Funktion, sondern als seine Privatmeinung geschrieben.

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Harald Rotter (Dienstag, 28 Mai 2019 08:26)

    Gleich zu Beginn, auch wenn ich für den ÖVV als Technischer Direktor arbeite, auch mein Beitrag dazu ist meine ganz persönliche Meinung:

    Zuerst einmal - bravo Marc! Ich finde, Du hast den Sinn der beiden neu eingeführten Regelungen wirklich gut erörtert. Der Ansatz mit der kompletten Abschaffung der Deckenregelung ist sehr radikal, aber durchaus eine Überlegung wert. Das ist aber sowieso nicht von uns beeinflussbar, deswegen zerbreche ich mir da nicht weiter den Kopf darüber.

    Zu der vom ÖVV eingeführten Regelung habe ich schon viele kritische Stimmen gehört. Ich war mir auch nicht ganz sicher, ob es etwas bringt in Sachen Verbesserung der Ausbildung. Aber ich denke, dass es sicher nicht schaden wird. Die Expertise von Marc lässt mich etwas mehr in Richtung "Pro" schwenken. In jedem Fall bin ich der Meinung, dass Dinge zuerst ausprobiert gehören bevor sie über alle Maßen gelobt oder in der Luft zerrissen werden. Also, spielen wir mit dieser Regelung eine Zeit lang und dann evaluieren wir emotionsfrei und sachlich.

    Bei der Einschränkung zur Anzahl der Teilnahmen an den ÖMs einzelner Spieler/innen bin ich voll dafür. Titelhamstern im Nachwuchsbereich bringt nur überambitionierten Funktionär/inn/en und Trainer/innen etwas. Und vielleicht leider den Vereinskassier/inn/en, wenn es Landes- oder Gemeindeförderungen für Platzierungen gibt. Aber langfristig weder den Jugendlichen noch unserem Sport.

    Natürlich haben die meisten Trainer/innen genug Verantwortungsgefühl, ihre Spieler/innen nicht zu "verheizen" und mit Bedacht einzusetzen. Aber es ist leider - um ein Beispiel zu nennen - wie mit Alkohol am Steuer. Wenn sich alle von selber vernünftig verhalten würden bräuchte es weder Regeln noch Kontrollen...

    Zum Abschluss meine Beobachtung aus vielen Jahren Arbeit im Nachwuchsbereich: die Jugendlichen haben ganz selten Probleme mit anderen Regeln und Neuerungen. Die nehmen diese wie sie sind und wollen Spaß haben und Volleyball spielen. Wenn aber die Erwachsenen in ihrem Umfeld - doch oft die Vorbilder - anfangen unreflektiert über dieses und jenes zu jammern und zu schimpfen, wird das schnell übernommen und der Spaß geht verloren.

    Solange die Kinder Freude am Sport und Volleyball haben können wir Erwachsene eigentlich nur verhindern, dass sie gute Volleyballer/innen werden oder einfach nur den Sport mit den Freund/inn/en lieben. Die meisten unserer Nachwuchsspieler/innen gehen sowieso von ganz alleine ihren Weg. Und das dürfen sie auch, egal ob Volleyball ein reines Freizeitvergnügen für sie ist - auch wenn er/sie das größte Talent der Welt ist! - oder ob sie es ganz nach oben schaffen wollen...

  • #2

    Christian Steidl (Freitag, 31 Mai 2019 08:23)

    Auch aus meiner Sicht ist das Erlauben der Deckenberührung, zumindest im Jugendbereich, klar zu befürworten. Ich sehe hier eigentlich nur Vorteile für den Volleyballsport. Ich würde mir das auch für den Erwachsenensport nützen.
    Ich finde es gut das hier österreichweit eine Diskussion in Gang gekommen ist, die gewisse Regeländerungen betrifft, hier könnte man in manchen Bereichen noch viel radikaler sein.
    Zum Thema Spielberechtigung bei ÖMS: Ich halte mich zwar für einen Trainer mit genügend Verantwortungsgefühl um Spielerinnen und Spieler nicht zu "verheizen", wir hatten aber auch noch keine Saison, wo wir uns für 3 ÖMS qualifiziert haben. Aus heuriger Erfahrung mit der Qualifikation für die U12w und U13w kann ich aber sagen, dass das mehr als genug ist... Ich würde mir hier auch wünschen, dass es keiner Regel bedarf um hier unsere Spielerinnen und Spieler zu "schützen", aber wir werden diese auch brauchen.
    Das Zusammenlegen der ÖMS und damit die Verkürzung der Saison, halte ich für eine ausgezeichnete Idee. Keine ÖMS sollte NACH dem zweitem Mai-Wochenende stattfinden, hier sollten sich die Landesverbände und der ÖVV zusammensetzen und gemeinsam einen vernünftigen Terminplan erstellen, eine ÖMS am 1. Juni-Wochenende (wie heuer U11 und U15) ist viel zu spät!!!

    Was aus meiner Sicht auch überlegenswert wäre, ist die ÖMS für die jüngsten Spielerinnen (U11 jetzt U13) ersatzlos zu streichen. Aus meiner persönlichen Sicht ist es nicht notwendig in dieser Altersklasse bereits durch ganz Österreich zu tingeln. Auch in anderen Ländern (z.B. Norwegen) gibt es nationale Meisterschaften erst ab 13 Jahren, das halte ich für vollkommen ausreichend. Dies lässt sich durch gut organisierte Landesmeisterschaften oder regionale Meisterschaften kompensieren um hier den Spielern einen würdigen Saisonabschluss in der Halle zu ermöglichen!
    D
    en letzten Satz von Harald unterstütze ich zu 100%, den sollte sich jeder Volleyballtrainer einrahmen und aufs "Nachtkastl" stellen, danke dafür Harald!

  • #3

    Paul Schilhan (Montag, 03 Juni 2019 08:51)

    Lieber Christian.
    Du hast geschrieben: "Was aus meiner Sicht auch überlegenswert wäre, ist die ÖMS für die jüngsten Spielerinnen (U11 jetzt U13) ersatzlos zu streichen."

    Mein "Traum" (den ich auch immer wieder eingebracht habe) wäre immer gewesen, für diese Altersgruppen & beide Geschlechter die ÖMS am selben Wochenende und selben Ort ohne Quali durchzuführen - d.h. jeder Verein in Österreich kann sich dazu melden. Die Durchführung, wie früher bei den Mixed Turnieren, sollte draußen auf Rasen durchgeführt werden mit einem altersgerechten Kinderprogramm (Lagerfeuer & Kinderdisco am Abend, etc...)
    Vorteile:
    - Größere Vereine wie Graz, Hotvolleys oder Klagenfurt müssten nur ein einziges Mal fahren
    - Es gibt nicht in diesem Alter schon eine Restriktion auf die Quali, was so glaube ich, sehr demotivierend für junge Sportler ist (zu "wissen", dass man eh nie an einer ÖMS teilnehmen wird können)
    - Der Spaß am Sport steht da noch im Vordergrund. was in dieser Altersgruppe - so glaube ich - immens wichtig ist
    - Für das eine Event könnte leichter ein Sponsor gefunden werden bzw. aufgrund der Menge an Kids und Eltern durch Buffet o.ä. auch kostendeckend oder gar gewinnbringend durchgeführt werden ...

    Und der letzte Satz von Harald wird auch unterstützt :))))

    LG
    Paul